UNFREIHEIT IST BELEIDIGUNG

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Artikel veröffentlicht: 05.10.2012, 11:43 Uhr

"NICHT DIE KARIKATUREN HABEN GETÖTET..."
 

Dem folgenden Gesprächsdokument ist vorweg nur eine kleine, beinahe "theoretische", kritische Einschränkung bzw. Ergänzung vorauszusetzen: Der Titelhinweis, es ginge "nur" um die Kontrolle der "Erzählung" angesichts der globalen Beleidigungshysterie zahlreicher Muslime, greift ein wenig zu kurz.

Der ergänzende Hinweis ist, dass es auch um Elemente "klassischer" und nicht allein "diskursiver" Macht geht bei dem islamistischen Versuch mit Gewalt radikal, ungebrochen-universalistisch und missionaristisch, kritische Deutungen der Wirklichkeit nicht zuzulassen. Es macht also auch historisch-gegenwärtig einen Unterschied, ob die imperialen "Erzählungen" der diversen Islamismen z.B. durch die Atombombe gestützt sind oder eben nicht. Schließlich geht es um Herrschaftsabsichten gegen die Freiheiten. Und wir können - geschichtlich belehrt, wie wir es doch gern sein wollen - wissen, dass der nuklear gestützten Herrschaft gegen die Freiheit, eine noch deutlich schrecklichere Qualität innewohnt, als es ohnehin schon mit diesen Gewaltkräften schrecklich genug ist.

Wer die Welt als durch Kommunikation und Kommunikationsstörungen allein bestimmt meint, propagiert europäisch gestimme Weltanschauung, Ideologie. Dies sei als minimale (wenn auch politisch folgenreiche) Nuance zum Folgenden erinnert.
 

Wie schon Kenan Malik in seinem brillanten Buch "From Fatwah to Djihad - The Rushdie Affair And Its Legacy" (London, 2009) deutlich machte: Es gibt nichts Neues im Bestehen darauf, dass die freie Rede verantwortlich zu nutzen sei.

Neu jedoch, abermals ergänzt, ist das Maß der Selbsteinschränkung und preemptiven Zensur, die wir uns zugestehen - nicht selten im Namen einer informiert-aufgeklärten Position faktischer Unterwürfigkeit. Sie ist, wie Salman Rushdie folgend sagt, Ausdruck unserer Angst. Wenigstens dieser Unterwürfigkeit sollten wir uns stellen und sie nicht als politische Klugheit ausweisen. Wenige Tage nach den zahlreichen (oft redundanten) Proklamationen zur Freiheit anl. des 3. Oktober in Deutschland gibt es nur diesen Grund der Freiheit, sich weder persönlich, noch politisch der "aufgeklärten" Selbstzensur zu beugen.

Der Blasphemievorwurf gilt den Islamisten als einer der ersten "strategischen Diskurse" - als Waffe. Dies ist vielfach dokumentiert nachlesbar und nicht als "kulturelles Misstrauen" zu diffamieren. Wollen wir es wissen oder nicht? Wenn aber gilt, dass politische Freiheiten nicht gegen Religion(en), sondern um auch ihrer Freiheit willen gelten, dann sollten wir dem gewaltigen, moralistischen Imperialismus dieses "Diskurses" nicht nur standhalten, sondern deutlich widerstehen, wider die "Empörungskeule". Viel hängt davon ab, ob wir überzeugt sind, dass unsere Freiheiten es wert sind, verteidigt zu werden. Wem die Rede von der wehrhaften Demokratie als Kampfbegriff aus Zeiten Konrad Adenauers gilt (was schon seinerzeit sehr strittig war, ob es sich nur um einen Kampfbegriff handelt), hat - willentlich - einen entscheidenden Schritte getan, seine Freiheit zu opfern. Es sind Menschenopfer, die so gebracht werden und als solche sind sie entwürdigend und blasphemisch.
Karl H. Klein-Rusteberg


FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG
Gespräch mit Salman Rushdie
Es geht nur um eines:
Wer kontrolliert die Erzählung?

4. Oktober 2012

Soll man Karikaturen und Videos zeigen, auch wenn Muslime so wüten?
Wo stehen wir im Kampf gegen den Islamismus?
Und worum geht es im Grunde?

In „Joseph Anton“ vergleichen Sie das, was mit Ihnen geschah, mit dem Auftauchen der ersten Krähe in Hitchcocks Film „Die Vögel“, als eine Art Prolog zu islamistischer Gewalt. Die Fatwa gegen Sie wurde 1989 ausgesprochen - wie weit im Film sind wir?
Wir sind in der Mitte der Angriffe, würde ich sagen. Aber sicher bin ich mir nicht. Manchmal habe ich den Eindruck, dass der Extremismus abflaut, dann gibt es wieder einen Ausbruch, wie neulich. Sicher ist nur, dass 9/11 der Moment war, an dem diese kleine Sache, die meine private Geschichte war, zu unser aller Geschichte geworden ist.
Die neuesten Nachrichten von der wütenden Muslim-Front kamen aus Bangladesch. Irgendjemand hatte wohl auf Facebook etwas gepostet, wodurch Strenggläubige den Koran verletzt sahen. Daraufhin brannten buddhistische Tempel und Häuser.
Ich habe eine heftige Abneigung gegen diese Kultur des Beleidigtseins. Offenbar reicht allein die Behauptung, man sei beleidigt, um sich ins Recht gesetzt zu sehen, herumzulaufen und Randale zu machen. Das ist die Antithese zu einem geistvollen Leben. Das ist Barbarei.

 

Es ist auch ein bisschen beschränkt. Man kann ja nur beleidigt sein, wenn man beleidigt sein möchte. Ist ja eine freie Wahl. Niemand kann irgendjemanden ohne dessen Einwilligung beleidigen.
Richtig. Und man muss etwas tun, um sein Beleidigtsein zum Ausdruck zu bringen. Beleidigtsein erfordert Arbeit. Aber es ist inzwischen wie ein Reflex, die Leute sagen nur noch stumpf, oh, das beleidigt mich, ohne zu präzisieren, was genau oder warum. Ich gehe davon aus, dass die meisten aufgebrachten Menschen, die gegen dieses Mohammed-Video auf der Straße waren, dieses dumme Video gar nicht gesehen hatten. Es genügt, dass ihnen jemand erzählt, dass es existiert - und sie sind beleidigt. Das ist Dummheit. Dummheit und Gewalt ist eine ganz schlechte Kombination.

 

Sie sagen, in Teilen der islamischen Welt gebe es so etwas wie eine Wut-Industrie. Wem nützt diese Wut?
Es ist ein politischer Prozess - Leute benutzen religiöse Vorwände, um den Beweis zu führen, dass sie es sind, die die größten Mobs mobilisieren können, und also diejenigen, mit denen am meisten zu rechnen ist. In Ländern dieser Region ist es sehr leicht für Politiker, Menschenmassen auf die Straße zu bringen. Sie müssen nur mit dem Finger schnipsen, und schon versammelt sich eine Menge, sie müssen mit dem Finger nur in eine Richtung zeigen, und die Menge läuft dorthin. Sich dieser Wutkultur zu bemächtigen ist eine Methode, diese Mengen zu mobilisieren. Ohne Frage stellen die Männer an der Macht - es sind ja ausschließlich Männer - Leute an, um nach Scheingründen zu suchen, beleidigt zu sein. Um nach Sachen Ausschau zu halten, die als Vorwand genutzt werden können, die Wut anzuheizen. Es ist eine total selbstgemachte Geschichte.

 

Also hilft jemand, der ein Video wie „Innocence of Muslims“ ins Netz stellt, in dem der Prophet Mohammed verhöhnt wird, islamistischen Hardlinern.
Ja. Es ist wie eine Kollaboration. Der Mann, der den Film macht, möchte solche Reaktionen. Und die Leute, die mit Wut reagieren, suchen gezielt nach solchen Filmen. So gesehen, tanzen beide denselben Tanz.
Es gab hierzulande eine Diskussion darüber, ob dieses Video in einem Berliner Kino gezeigt werden darf. Die meisten fanden, das könne man nicht machen, weil es die Gefühle religiöser Muslime verletze. Außenminister Westerwelle forderte, mit „rechtsstaatlicher Härte“ gegen die Verbreitung des Videos vorzugehen.
Den Film nicht zu zeigen, weil das die Gefühle von irgendjemandem verletzen könnte, ist auf jeden Fall der schlechteste Grund dafür, ihn nicht zu zeigen. Nach allem, was ich von dem Film gesehen habe, ist er einfach unterirdisch schlecht. Und das spricht in der Tat dafür, ihn nicht zu zeigen. Aber natürlich sollte dieser Film für jeden frei zugänglich sein.

 

Es gab mal ein Schmähfilm gegen Sie - Sie sind damals, 1990, nicht dagegen vorgegangen.
Im Gegenteil. Ich habe dafür gesorgt, dass er gezeigt wurde. Und auf der Stelle ist er wieder verschwunden. Seine Macht wurde durch Sichtbarkeit zerstört.

 

Haben Sie ihn sich angesehen?
Ja.

 

Haben Sie sich beleidigt gefühlt?
Natürlich habe ich mich beleidigt gefühlt, ich habe mich profund beleidigt gefühlt und war stinkwütend (lacht), aber es ist mir nicht in den Sinn gekommen, die Welt niederzubrennen.

 

Wenn ich Sie jetzt mal als leidgeprüften Experten fragen darf: Dänische Mohammed-Karikaturen - hätten die in allen berichtenden Zeitungen und in den Fernsehnachrichten gezeigt werden sollen oder lieber nicht, wie das meistens gehandhabt wurde, aus Sorge vor weiterer Gewalt?
Es gibt hier zwei verschiedene Fragen. Die erste ist: Taugen die Karikaturen was? Sind sie gut? Das ist die eine Sache. Aber in dem Augenblick, in dem die Androhung von Gewalt dazukommt, ändert sich das Thema. Dann geht es nicht länger um Fragen der Qualität, sondern darum, wie wir auf Androhung von Gewalt reagieren. Und in diesem Fall gibt es nur eine Möglichkeit: Man darf sich niemals beugen. Das ist eine Lektion, die wir im Schulhof lernen. Wenn du dich herumschubsen lässt, wirst du weiter herumgeschubst werden. Die einzige Möglichkeit, diese Schikane zu beenden, ist es, sich dagegen zu wehren. Eine Grenze zu ziehen und sie zu verteidigen. Nur das beendet Gewalt.

 

Vor zwei Wochen brachte das französische Satiremagazin „Charlie Hébdo“ neue Mohammed-Karikaturen. Als Reaktion darauf gab es Ausschreitungen, sogar Tote.
Aber nicht die Karikaturen haben getötet, sondern Menschen. Wir wissen alle, dass es in der Natur von Karikaturen liegt, respektlos zu sein.

 

CNN-Reporterin Christiane Amanpour interviewte einen der Zeichner - sie warf ihm vor, einen schlechten Sinn für Timing zu haben. Sie fand das verantwortungslos.
Diese Einstellung, der man immer wieder begegnet, ist durch und durch motiviert von Angst. Sie tut allerdings so, als wäre sie es nicht, als ginge es hier um Respekt, Zivilisiertheit et cetera. Aber in Wahrheit ist sie von Angst getrieben. Also eine Form von Feigheit. Und man darf sich nicht feige zeigen, man darf diesen Einwand nicht gelten lassen. Es ist eine Tatsache, dass Menschen in einer offenen Gesellschaft oft sehr rüde miteinander umgehen. Es ist die Natur von Demokratie, dass wir alle absolut nicht einer Meinung sind. Und dass wir das können. Die Auseinandersetzung selbst ist die Demokratie, nicht das Schlichten der unterschiedlichen Positionen. Also ist die einzige Möglichkeit, damit umzugehen, sich eine dickere Haut zuzulegen.

 

Man hört immer wieder, das Ganze sei ein Kulturkampf zwischen dem Islam und der westlichen Welt...
Ja, das glaube ich gar nicht.

 

Sondern? Wer oder was ist hier eigentlich gegen wen oder was?
Die Einheiten sind keine Monolithen, sondern sehr zersplittert. Der größte Kampf wird innerhalb des Islams ausgetragen. Der Krieg zwischen Sunniten und Schiiten ist viel größer als alles, was zwischen dem Islam und dem Westen geschieht. Auch sind die muslimischen Ländern untereinander nicht alle befreundet, Saudis mögen keine Iraner, alle hassen die Syrer und so weiter. Und auch der Westen ist keine Einheit. Es gibt also nicht den Westen und nicht den Islam. Hier kämpfen keine zwei großen Dinosaurier gegeneinander.

 

Sondern?
Im Fall der „Satanischen Verse“ dachte ich immer, das war ein Kampf zwischen Menschen mit Sinn für Humor und Menschen ohne. Es gibt eine Art Humorlosigkeit im Puritanismus, die die Ursache vieler Probleme ist. Der amerikanische Humorist H.L. Mencken hat Puritanismus einmal so definiert: Puritanismus ist die quälende Furcht, dass irgendwer irgendwo glücklich sein könnte (lacht). Diese Idee, dass Freude ein Verbrechen ist, ist eine Charakteristik aller Formen des Puritanismus. Wie die Taliban Musik verboten haben, Tanzen - einfach alles, was man irgendwie mit Spaß assoziieren könnte. Der Feind, das war Spaß. Hier haben Sie die Gegner: Vergnügen und Puritanismus. Vergnügen in all seinen verschiedenen Manifestationen, was weiß ich, kurze Röcke, Rock’n’Roll, Kinofilme, Statuen. All das ist bei den Puritanern illegal, weil es schön ist. Wir befinden uns in einem Kulturkampf um Vergnügen.

 

Sie sind ziemlich aktiv auf Twitter. Könnten Sie für all diejenigen unter uns, die die „Satanischen Verse“ nie gelesen haben, in Twitterlänge zusammenfassen, was genau damals eigentlich zu dieser Empörung geführt hat?
Schwer zu sagen, denn diese Leute hatten es ja auch nicht gelesen...In Twitterlänge: Es ging um die Deutungshoheit, darum, wer das Recht hat, eine Geschichte zu erzählen - und wie. Und wenn Sie eine ernsthafte Antwort möchten...

 

Ja.
Es gibt eine Traumsequenz in diesem Roman, die eine abweichende Lesart der Ursprünge einer Religion gibt, die dem Islam ähnelt, wenn sie im Buch auch nicht Islam genannt wird. Das hat einigen nicht gepasst, dass sich da jemand anmaßt, eine vermeintlich heilige Geschichte anders zu erzählen. Die Haltung des Buchs, und auch meine Haltung, ist: Nichts ist unantastbar. Man darf erzählen, was und wie es einem gefällt. Und zwar jeder. Geschichten sind unser Erbe, sie gehören uns allen. Wir haben das Recht, sie uns zu eigen zu machen, sie respektvoll oder respektlos, realistisch, phantastisch, wie auch immer wir wollen, zu erzählen, ausgeschmückt, abgeändert, verkürzt. Und dabei geht es natürlich nicht nur um Bücher. Alles ist Erzählung - eine Nation, Familie, das sind die großen Erzählungen. In offenen Gesellschaften verändern sich diese Erzählungen, weil alle daran mitarbeiten, weil die Zeit sich ändert. Irgendwann gehört es dann eben nicht mehr zur großen amerikanischen Erzählung, dass Sklaverei okay ist. Oder zur europäischen, dass Frauen nicht wählen dürfen. In einer sich entwickelnden offenen Gesellschaft haben alle Einfluss auf die Erzählung. In einer unfreien Gesellschaft hast du diese Macht nicht. Darum ging dieser Kampf: Wer kontrolliert die Erzählung?

 

Lässt sich aus Ihrem Fall irgendetwas lernen?
Keine Vorsicht! Es wird immer zu Respekt vor irgendwelchen Gefühlen geraten und zu Umsicht, noch einmal: Dies sind Codewörter für Angst. Wir sind in ganz wenigen Ländern auf der Welt privilegiert, sagen zu dürfen, was wir wollen. Es gibt nur wenige Länder auf der Welt, in denen wir dieses Geschenk haben. Wir müssen es wertschätzen. Alle anderen wollen es, wir haben es - lasst uns uns nicht benehmen, als ob wir es nicht brauchen.

 

Das Gespräch führte Johanna Adorján.
Quelle: F.A.Z.
     

 

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