DAS INNERE UNSERER RELIGION - nach Papst Johannes Paul II. 1986

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Artikel veröffentlicht: 05.07.2012, 13:45 Uhr

Dem schweizer online-Magazin audiatur ist der folgende Beitrag entnommen, der aus Sicht eines jüdischen Autors, Josef Bollag, verdeutlicht, wie sehr sich weltweit die Kirchen von den Aussagen entfernen, die einst als Lehre aus der Geschichte in Kirchenerklärungen und Theologien eingang gefunden hatten und als gesichert galten. Worauf basierte der Eindruck dieser Gewissheit, die sich heute als Illusion zeigt? Es scheint nicht hinreichend, diesen Prozess allein als backlash in einer ansonsten als fortschrittlich gesicherten Normalität zu verstehen.  Das christlich-jüdische Verhältnis ist nicht dadurch legitim zu erhalten, dass es an den einst gesichert geglaubten Wahrheiten festhält.  Was haben Christen nun zu verstehen und zu sagen, ohne ebenfalls in die Fallen der beschriebenen Judenfeindschaft zu treten? 

"Man kann sich jedoch nicht des Eindrucks erwehren, dass die Definition dessen "wer Jude" und "was Judentum" ist und nicht zuletzt dessen, was Juden (und vor allem Israelis)  tun dürfen oder unterlassen sollten, heute wiederum von den Feinden des jüdischen Volkes vorgenommen wird."  

Ein Aufschrei der Kirchen und der sich selbst als "engagiert" bezeichnenden Christen hiergegen ist nicht zu hören. Empörung schlägt hingegen dem Überbringer dieser Botschaft entgegen. Es scheint, auch die Stunde Null wiederhole sich zwar nicht, sei aber zurückgekehrt - 1945 "revisited".

Karl H. Klein-Rusteberg

 

audiatur-online.ch
Informationen, Analysen und Kommentare zu Israel und dem Nahen Osten

http://www.audiatur-online.ch/2012/07/05/sorgen-eines-aelteren-bruders/

Sorgen eines „ älteren Bruders“
Dr. Josef Bollag

5. Juli 2012
 

Einige evangelische und römisch-katholische Landeskirchen haben sich sehr eindeutig durch manche ihrer Positionierungen und ihr Handeln zu einer pointiert anti-israelischen Haltung entschieden und den Weg der vernünftigen Kritik verlassen. Obwohl dabei von einer pro-palästinensischen Haltung gesprochen werden müsste, sind doch verschiedene Aktionen in einigen Kirchen auszumachen, die die Interessen der Palästinenser sogar schädigen könnten. Das gilt etwa für das HEKS; zu Ende gedacht würde ein Erfolg seiner Boykott-Politik die Palästinenser am härtesten treffen – durch Arbeitsverlust verlören 23.000 Personen und ihrer Familien ihre Lebensgrundlage, ohne Kompensation. Während man sich auf verletzte Menschenrechte der Palästinenser beruft, wird leider gleichzeitig auch die prekäre menschenrechtliche Situation der christlichen Glaubensgemeinschaften in den islamischen Ländern ausgeblendet. Die nahezu unkritische Rezeption beispielsweise des Kairos-Palästina-Dokuments etwa in Kreisen des SEK zeugt von einer besorgniserregenden Einseitigkeit. Einige Funktionäre geben ihre Losung, gespickt mit palästinensischer Propaganda, bis in die einzelnen Kirchengemeinschaften weiter, was wiederum zu einer unkritischen Stimmungsmache gegen Israel führt. Wie erklären sich die Kirchen den Trend der Kirchenaustritte ihrer Mitglieder? (3.3% Protestanten und 3.7% Katholiken von 2000-2010 in der ganzen Schweiz) Spielt zu viel Propaganda und Einseitigkeit eine Rolle, und wie wird der verstärkte Zulauf in die Freikirchen begründet?

Ich kann mich nicht des Eindruckes erwehren, dass anti-israelische Aktionen in antisemitische Fahrwasser geraten sind. Kritik ist umgeschlagen in eine anti-israelische Haltung, die sich in einer offenkundigen Feindseligkeit gegenüber dem Staat Israel manifestiert und eine ganze Bevölkerung unter Generalverdacht stellt. Der Staat Israel scheint Stellvertreter für „den Juden“ geworden zu sein. Die beinahe obsessive Konzentrierung auf Israel führt zu der Frage nach der öffentlichkeitswirksamen PR kirchlicher Einrichtungen für ihr Engagement in anderen Länder und Regionen. Energie und Herzblut können scheinbar nur einem Thema geschenkt werden: der einseitig überzogenen Kritik an Israel.
Viele weisen bei ihren anti-israelischen Aktionen den Vorwurf des Antisemitismus weit von sich. Das scheint konsequent, wird doch heutzutage viel über das Judentum gesprochen und gelehrt, was in der Wortschöpfung „christlich-jüdische Basis der Kultur des Abendlandes“ neuerdings hervorgehoben wird. Man kann sich jedoch des Eindrucks nicht erwehren , dass die Definition „wer Jude“ und „was „Judentum“ ist und nicht zuletzt dessen, was Juden (und vor allem Israelis) tun dürfen oder unterlassen sollten, heute wiederum von den Feinden des jüdischen Volkes vorgenommen wird. Der früher subtil propagierte Unterschied zwischen Antizionismus und Antisemitismus wurde anlässlich derWeltkonferenz gegen Rassismus, rassistische Diskriminierung, Fremdenfeindlichkeit und damit zusammenhängende Intoleranz“ in Durban im Jahre 2001 durch den offen zur Schau getragenen Antisemitismus hinweggefegt; und seither gibt es nahezu keine Hemmungen mehr, den Antisemitismus öffentlich zu proklamieren. Die Hamas-Charta, die PLO-Erklärungen, die Verlautbarungen vieler palästinensischer und anderer muslimisch-arabischer Geistlichen, die per Fernsehen ausgestrahlten Gebete der Hamas, die Indoktrination der Kinder durch die Medien zu Hass gegen Juden und Israelis sind hundertfache Beweise, dass die muslimischen Protagonisten im Nahostkonflikt nicht nur die Auslöschung des Staates Israel als ihr erklärtes Ziel propagieren, sondern auch die Vernichtung der Juden, und damit meinen sie nicht nur die jüdischen Israelis vor Ort. Eine Aufteilung in einen Pro-Judaismus und einen Anti-Israelismus in Kirchen ist deshalb unmöglich und hypokritisch.
Innerhalb der Kirchen muss man sich deshalb bewusst werden, dass mit einseitigen Stellungnahmen gegen den Staat Israel und mit der Finanzierung und vorbehaltlosen und völlig unkritischen Unterstützung der Palästinenser man zu tatsächlichen Komplizen des neuerlichen Versuchs werden kann, das jüdische Volk zu vernichten. Es ist wenig tröstlich, dass Nachkommen von denen, die schon einmal durch Schweigen oder aktives Handeln grosse Schuld auf sich geladen haben, dieses Mal selber in einem Atemzug als zukünftige Opfer mit den Juden genannt werden.
Weshalb in den Führungsgremien der Kirchen dies bis heute nicht gesehen und eingesehen wird, jedenfalls gemessen an ihren Verlautbarungen, ist unerklärlich und schwer nachvollziehbar, denn die nüchternen Fakten sprechen eine andere Sprache.


Anmerkung zum Titel:
„Wir sind uns alle bewußt, daß aus dem reichen Inhalt dieser Nr. 4 der Erklärung Nostra aetate drei Punkte besonders wichtig sind. Ich möchte sie hier, vor euch und bei dieser wahrhaft einmaligen Gelegenheit, hervorheben. Der erste Punkt ist der, daß die Kirche Christi ihre »Bindung« zum Judentum entdeckt, indem sie sich auf ihr eigenes Geheimnis besinnt (vgl. Nostra aetate, Nr. 4, Absatz 1). Die jüdische Religion ist für uns nicht etwas »Äußerliches«, sondern gehört in gewisser Weise zum »Inneren« unserer Religion. Zu ihr haben wir somit Beziehungen wie zu keiner anderen Religion. Ihr seid unsere bevorzugten Brüder und, so könnte man gewissermaßen sagen, unsere älteren Brüder. „
Ansprache von Johannes Paul ll., 13. April 1986 in der Synagoge von Rom

 

 

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