MERKUR - Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken

Zurück zu den ArtikelnArtikel drucken

Artikel veröffentlicht: 18.01.2011, 14:04 Uhr

MERKUR Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken - Nr. 740 - Heft 01 - Januar 2011

In den Ansprachen im Essener Rathaus zur jeweiligen Eröffnung der ´Woche der Brüderlichkeit´ in 2009 und 2010 sprachen die zwei Redner unabhängig voneinander u.a. von einem grundlegenden Phänomen, das uns zukünftig weiterhin beschäftigen soll: Michael Wolffsohn (in 2009), wie auch Gil Yaron (in 2010) verwiesen darauf, dass in Deutschland und in Israel nicht unterschiedliche, sondern geradezu entgegen gesetzte Konsequenzen und "Lehren" aus den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts in Deutschland und Europa gezogen worden waren. Gil Yaron sprach in diesem Zusammenhang von different mindsets – was andeutet, dass es ein grobes Missverständnis wäre, hier nur von "Meinungsunterschieden" auszugehen.

Diese gravierende Unterscheidung findet in dem zu Jahresbeginn erschienenen Heft Nr. 740 des 65. Jahrgangs im MERKUR (Januar 2011) in ähnlicher Weise Ausdruck.

Yoram Hazony, israelischer Philosoph und politischer Theoretiker, hat zwei Beiträge,  englisch-sprachig bereits vor einem Jahr veröffentlicht, zu einem Artikel für den MERKUR zusammengearbeitet. Sein Titel: "Ist die Idee des Nationalstaats überholt? Israel aus europäischer Sicht". In diesem Beitrag werden die different mindsets – Israel und die europäische Sicht – in weiter ideengeschichtlicher Perspektive für die Zeit nach 1945 thematisiert. Nach Hazony ist es diese, in Europa so schwer nachvollziehbare Unterschiedlichkeit, die es der Mehrheit Europas geradezu verunmöglicht, ihre mehr und mehr aufkommende Israeldistanz bis –feindschaft selbstkritisch zu bedenken. Die Bedeutung (bzw. die Bedeutungslosigkeit), die dem Nationalstaat im politischen Denken nach 1945 in (West-)Europa zukommt, ist für Hazony entscheidend. Kurz: Während Frieden in Europa nur transnational akzeptierbar scheint, muss Israel an einem internationalen Begriff des Friedens festhalten. Für den jüdischen Staat ist das eine Existenzfrage. Für eine solchen Frieden aber gibt es keine anerkennungsfähigen Partner in den nahen und ferneren Nachbarschaften der Region.

Warum – so fragt Hazony – gibt es kaum vergleichbare Kampagnen der Diffamierung gegen Staaten, wie Israel sie seit Jahrzehnten zunehmend erlebt? Warum Israel?  

Nimmt nicht, so seine weit reichende Provokation des europäischen Selbstverständnisses, die Verabschiedung des Nationalstaatsparadigmas als Lehre der Geschichte, im europäischen Gefühlshaushalt gegenüber Israel mehr und mehr die Gestalt an, wie sie die europäischen Vorfahren der Ablehnung des Evangeliums von jüdischer Seite entgegen gebracht haben?        

link zum Text: http://www.klett-cotta.de/ausgabe/MERKUR_Heft_01_Januar_2011/13909

Karl H. Klein-Rusteberg

 

Sie möchten diesen Artikel kommentieren? Artikel kommentieren

Dieser Artikel wurde noch nicht kommentiert.
Hier können Sie selbst einen Kommentar schreiben.


  Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit - Universitätsstrasse 19, 45141 Essen