ISRAEL - WAS HEISST "VERANTWORTLICH HANDELN"?

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Artikel veröffentlicht: 09.03.2012, 15:37 Uhr

ISRAEL 

Die beiden folgenden Beiträge, ein Gespräch mit dem israelischen Historiker Yehuda Bauer und der Beitrag von Giulio Meotti aus der Jüdischen Allgemeinen, dokumentieren exemplarisch die ungeheuren Spannungen, in denen sich der jüdische Staat, seine politisch Verantwortlichen, die Bevölkerung und die Öffentlichkeit derzeit bewegen. Die Frage, wie den existentiellen Provokationen des Mullah-Regimes, der potentiellen Nuklearisierung ihrer Herrschaft und ihren Vernichtungsdrohungen zu begegnen ist, ist keine Frage, der man von Europa aus in der altgewohnten und selbstverliebten Gegenüberstellung von "Tauben" und "Falken" auch nur annähernd gerecht wird. Sicher gibt es diese Positionen, v.a. die des Euro-Pazifismus, weiterhin. Sie sind aber in Israel so gut wie irrelevant und spielen (!) sich v.a. in den wohl gesicherten Distanzen ab. Hierum - um unsere (!) sog. Identitäten - also geht es überhaupt nicht.

Was ist die angemessene Entscheidung? Wer übernimmt welche Verantwortung für welche Schritte und für welche Folgen? Was sind strategische Voraussetzungen, taktische Möglichkeiten und wie reagiert die Welt?

Beide folgenden Beiträge zusammen- und gegeneinander gelesen, lassen die enorme Herausforderungen erahnen, denen sich der jüdische Staat ausgesetzt sieht. Können wir beide Beiträge, können wir Israel verstehen?
Karl H. Klein-Rusteberg

Hagalil.com
Transskript aus: Deutschlandfunk 07. März 2012

Yehuda Bauer: Militärschlag gegen Iran “würde einen Riesenkrieg auslösen”
7. März 2012
@ 22:14
Der israelische Historiker Yehuda Bauer, ehem. Direktor derGedenkstätte Yad vaShem, warnt eindringlich vor einem militärischen Vorgehen Israels gegen den Iran. Es würde im ganzen Mittleren Osten einen Krieg auslösen, die Hisbollah würde “Zehntausende” Raketen auf Israel regnen lassen…
Historiker warnt vor einer Eskalation im Streit um Irans Atomprogramm
Das Gespräch führte Sandra Schulz, Deutschlandradio

Sandra Schulz: Als historisch ist dieses Treffen schon vorab bezeichnet worden, die Begegnung zwischen US-Präsident Barack Obama und dem israelischen Regierungschef Benjamin Netanjahu. Bei aller Zurückhaltung im Gebrauch des Attributs historisch, es war jedenfalls ein Gespräch über Krieg und Frieden gestern in Washington. Wie kann das iranische Atomprogramm gestoppt werden? Diplomatie oder Militärschlag, da ticken die Uhren in den USA und Israel unterschiedlich. Alle Optionen lägen auf dem Tisch, das hatte Barack Obama immer wieder bekräftigt und zuletzt auch die militärische genannt, aber Benjamin Netanjahu geht die Unterstützung nicht weit genug. Offenbar kann auch nach dem Treffen von einer Annäherung keine Rede sein, allen öffentlichen Bekundungen zum Trotz.
Am Telefon begrüße ich den früheren Leiter der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, den israelischen Historiker Yehuda Bauer. Wir erreichen ihn in Jerusalem. Guten Morgen!
Yehuda Bauer: Guten Morgen.
Schulz: Herr Bauer, haben Sie Angst vor einem iranischen Atomschlag?
Bauer: Schauen Sie, erst einmal bin ich kein Politiker. Ich bin ein Historiker. Ich war auch nicht der Leiter von Yad Vashem. Ich glaube, dass ich die Meinung einer sehr großen liberalen Minderheit in Israel vertrete, die gegen einen Militärschlag ist, gerade weil sie die iranische Diktatur, eine ideologische radikale religiöse Diktatur, die genozidal und antisemitisch ist, gerade weil diese Gefahr besteht, die man mit militärischen Schlägen nicht vertreiben kann. Das ist völlig falsch. Das würde einen Riesenkrieg auslösen im ganzen Mittleren Osten und Israel unter großen Angriff stellen von Raketen, Zehntausende von Raketen, die von der Hisbollah dann hereinregnen würden, und eine völlig neue Situation würde da entstehen, die für Israel äußerst schlecht wäre. Das ist die Meinung dieser, sagen wir mal, nicht neoliberalen, sondern, ich möchte sagen, altmodisch liberalen israelischen Minderheit.
Schulz: Das sehen Regierungschef Netanjahu und auch Verteidigungsminister Barak ganz anders. Sie haben immer wieder die militärische Option auch als solche mitgenannt. Rechnen Sie damit, dass es einen israelischen Militärschlag geben wird, gegen den Iran im Alleingang?
Bauer: Schauen Sie, das weiß ich nicht. Aber die Gefahr besteht und es muss alles getan werden, um so einen Schlag zu verhindern. Ich glaube, das ist das Interesse der gesamten zivilisierten Welt. Es würde die Ölpreise erhöhen in einer Form und in einer Weise, die die ganze westliche Welt bedrohen würde. Sanktionen und politischer Druck, wirtschaftliche, finanzielle Sanktionen sind durchaus wirksam. Die iranische Gesellschaft ist zerspalten, ist zersplittert, ist unter ungeheueren internen Druck gestellt, und das muss man ausnutzen.
Schulz: Aber die Drohungen aus dem Iran, die kommen und kamen ja immer wieder auch in sehr drastischer Form, nämlich Israel auszulöschen. Halten Sie das für leere Drohungen?

Bauer: Nein! Nein, durchaus nicht. Das ist keine leere Drohung. Wir haben das schon gelernt, dass ideologische Extremisten Drohungen ausdrücken, die sie dann verwirklichen wollen. Wenn es den Iranern, der iranischen Regierung möglich wäre, das zu tun, so würden sie es zweifellos tun. Gerade deswegen muss man sagen, dass ein militärischer Schlag nicht die richtige Antwort ist. Man kann mit militärischen Mitteln eine radikale Ideologie wie die iranische nicht vernichten, das geht nicht.

Schulz: Es gibt einen sehr drastischen Vergleich von Benjamin Netanjahu. Er sagt, es sei 1938 und der Iran sei Deutschland, und dieses Mal – ich zitiere Benjamin Netanjahu – würden sich die Juden nicht als Opferlämmer zur Schlachtbank führen lassen. Das hat er gestern auch noch mal so ähnlich formuliert in seiner Rede vor der pro-israelischen Lobby-Organisation AIPAC in Washington. Er hat an das Jahr 1944 erinnert, als der jüdische Weltkongress die USA gebeten hatte, die Gaskammern von Auschwitz zu bombardieren. Heute gebe es einen eigenen Staat, der alle Juden beschützen würde, so hat er es gestern gesagt. O-Ton Benjamin Netanjahu: “Er sagte, jetzt habe man einen eigenen Staat, der eigens zur Verteidigung jüdischen Lebens geschaffen worden sei. Niemals werde man wieder so machtlos sein.” Yehuda Bauer, wie sehen Sie diesen Vergleich?

Bauer: Völliger Unsinn, totaler Unsinn. Man kann solche Analogien überhaupt nicht ziehen, das ist völlig falsch. Es ist richtig natürlich, dass wir heute einen Staat haben, der sich verteidigen kann, der sich nicht nur verteidigen kann, sondern verteidigen soll und muss, wenn es notwendig ist. Aber dieser Vergleich ist vollkommen falsch. Nicht jeder ist ein Hitler und Ahmadinedschad einen Hitler zu nennen, ist ahistorisch und das kann nur jemand sagen, der davon überhaupt nichts versteht.

Schulz: Dann ist die Frage, wer sagt es der israelischen Regierung? Glauben Sie, dass Barack Obama Netanjahu davon überzeugen kann?
Bauer: Ja das weiß ich nicht. Ich bin kein Diplomat und ich war nicht in dem Oval Office dabei, als die beiden sprachen. Das kann man nicht von außen her bestimmen. Man kann auch nicht vorhersagen, was die Leute machen werden. In Israel ist nicht nur die liberale Minderheit gegen einen militärischen Schlag, sondern ich möchte auch klar sagen, dass unter den Militärspitzen in Israel auch eine Diskussion besteht und eine ziemlich wichtige Anzahl von Generälen gegen so einen Schlag sind.
Schulz: Ihren Warnungen zum Trotz, ist es so, dass sich viele Menschen in Israel auf Krieg vorbereiten?
Bauer: Ja! – Ja! – Man hat Angst. Angst ist immer ein sehr schlechter Beweggrund für Aktionen, aber so ist es eben und Netanjahu hat bestimmt Recht, wenn er sagt, dass die Mehrheit der jüdischen Bevölkerung in Israel seine Politik unterstützt. Das ist eben die Gefahr.
Schulz: Die Einschätzungen waren das von Yehuda Bauer, 1996 bis 2000 Leiter des International Center vor Holocaust Studies in Yad Vashem und heute hier in den “Informationen am Morgen”. Haben Sie herzlichen Dank dafür.
Bauer: Danke vielmals.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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