PURIM 2.0 - DIE MULLAHS UND DIE BOMBE

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Artikel veröffentlicht: 09.03.2012, 15:00 Uhr

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JÜDISCHE ALLGEMEINE

Purim 2.0
Wie in der Esther-Geschichte trachten auch heute die persischen Herrscher nach Vernichtung der Juden
8. März 2012 – von Giulio Meotti

Die Mullahs und die Bombe: 2012 wird das entscheidende Jahr für das iranische Atomprogramm.© dpa

Purim ist für die Juden der freudigste Tag im Kalender, sollte man meinen. In diesem Jahr hofft Israel, dass sich die wundersame Geschichte von der Rettung aus den Klauen eines persischen Herrschers in der Gegenwart noch einmal wiederholt. Der atomare Countdown zwischen dem Iran und Israel hat begonnen.

Nach Angaben der Internationalen Atomenergie-Organisation hat Teheran das Stadium der Brennstoffanreicherung in seinem Atomprogramm gemeistert. Der israelische Verteidigungsminister Ehud Barak erklärte, der Iran habe mit den unterirdischen Bunkeranlagen von Fordow die »Immunitätszone« erreicht. 2012 wird deshalb ein entscheidendes Jahr für das iranische Atomprogramm sein.

Vor einigen Tagen sagte mir Ronen Bergman, einer der führenden Enthüllungsjournalisten Israels und Autor des Buches »The Secret War With Iran«, es gebe vier mögliche Szenarien: »einen israelischen Erstschlag, eine israelisch-amerikanische Militäroperation, einen amerikanischen Angriff oder einen Regimewechsel in Teheran, der das Atomprogramm Irans zum Halten bringt«.

ANGRIFF Das zweite und dritte Szenario ist unwahrscheinlich – US-Präsident Barack Obama wird bald in die heiße Phase des Wahlkampfs eintreten. Zudem hat der Iran jegliche innere Opposition zum Schweigen gebracht. Israel könnte laut Bergman den Entschluss fassen, den Iran allein anzugreifen, um sich gegen ein fanatisches, auf Genozid ausgerichtetes Regime zu verteidigen, das sehr nahe daran ist, Atomwaffen herzustellen.

Es ist die Ideologie, die das iranische Programm so gefährlich macht. In den Worten des israelischen Premierministers Benjamin Netanjahu ist »Ahmadinedschad der neue Haman«. Der iranische Ajatollah Chamenei und der altpersische Haman haben mehr als die Geografie gemeinsam. Gemeinsam ist ihnen auch der schiere Hass auf das jüdische Volk, das die iranischen Führer »Krebsgeschwür«, »Mikroben« und »Ratten« nennen. Der Iran hat die Motivation, Israel zu vernichten, und wenn man es zulässt, dass das Land Atomwaffen entwickelt, wird es keine Ausrede brauchen, um genau das zu tun.

Israel bereitet seine Heimatfront vor. Kürzlich veröffentlichte die israelische Tageszeitung Yedioth Ahronoth eine Liste von »Zufluchtsstädten«, in denen es sicherer sei zu leben, sollte der »Notfall« eintreten, das heißt, sollte das Land von Tausenden Raketen angegriffen werden. Viele Sicherheitsübungen schließen Bedrohungsszenarien mit nuklearen, biologischen und chemischen Waffen ein. Evakuierungspläne für Ramat-Gan, den bevölkerungsreichen Vorort Tel Avivs, der 1991 von Saddam Husseins Raketen getroffen worden war, liegen fertig in der Schublade.

Unterdessen erteilt das Purimfest eine harte Lektion. Die Megillat Esther präsentiert eine Welt (jedenfalls die 127 Nationen des Persischen Reiches), die zwischen Gut und Böse geteilt ist. Esther, Mordechai und die Juden, Exilanten aus dem Königreich Juda, sind die Helden. Haman, seine Ehefrau Zeresch, seine Söhne und seine Gefolgschaft sind die archetypischen Antisemiten. Sie sind die Nachfahren von Amalek, der die Israeliten in der Wüste nicht wegen eines Streits um Land, sondern aus Hass überfiel.

HOLOCAUST Mahmud Ahmadinedschad, der jetzige Herrscher Persiens, hegt denselben Hass und hat die Absicht, »Israel von der Landkarte zu löschen«. Er leugnet den Holocaust, dem Millionen Juden zum Opfer fielen, während er nach dem Besitz von Atomwaffen strebt, um den Holocaust erneut Wirklichkeit werden zu lassen.

Um das jüdische Volk zu vernichten, musste Hitler ganz Europa in Flammen aufgehen lassen. Er brauchte sechs Jahre für die »Endlösung«. Heute müsste der Iran nur ein vergleichsweise kleines Gebiet in Brand setzen. Und wenn die Ajatollahs die Bombe haben, könnte sie Tel Aviv in neun Minuten erreichen.

Während die Israelis beginnen, über das Leben in Bunkern nachzudenken, formt sich in ihren Köpfen die Frage: Wenn der Angriff auf ihr Land beginnt, wird der Westen ihnen zu Hilfe kommen? Im Falle eines israelischen Erstschlags: Wird die Eu-
ropäische Union bereit sein, im UN-Sicherheitsrat aufseiten Israels zu stehen? Weltweit wird es eine Welle des Antisemitismus und der Delegitimation des jüdischen Staates geben. Jerusalem wird all seine wichtigsten Verbündeten, wie die Bundesrepublik Deutschland, brauchen.

Doch es könnte auch zutreffen, was General Ephraim Sneh, ehemaliger Vorsitzender der israelischen Arbeitspartei, im vergangenen Monat sagte: »Israel macht sich etwas vor, wenn es dem Klischee, das iranische Atomprogramm sei ein Problem der ganzen Welt, Glauben schenkt, oder wenn es denkt, es müsse von der internationalen Gemeinschaft gelöst werden.« Ob es uns gefällt oder nicht, es könnte wahr werden, dass Israel in seiner Schicksalsstunde allein steht.

Der Autor ist Redakteur der italienischen Zeitung »Il Foglio« und Kolumnist der israelischen »Yedioth Ahronoth«. 

 

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