ERINNERUNG AN DEN 11. SEPTEMBER 2001 - Hannah Arendt aus dem Jahr 1950

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Artikel veröffentlicht: 09.09.2011, 08:34 Uhr

"Doch nirgends wird der Alptraum von Zerstörung und Schrecken weniger verspürt als in Deutschland. Überall fällt einem auf, dass es keine Reaktionen auf das Geschehene gibt, aber es ist schwer zu sagen, ob es sich dabei um eine irgendwie absichtliche Weigerung zu trauern oder um den Ausdruck einer echten Gefühlsunfähigkeit handelt. Inmitten der Ruinen schreiben die Deutschen einander Ansichtskarten von den Kirchen und Marktplätzen, den öffentlichen Gebäuden und Brücken, die es gar nicht mehr gibt. (...Es) ist jedoch nur das auffälligste, äußerliche Symptom einer tief verwurzelten, hartnäckigen und gelegentlich brutalen Weigerung, sich dem tatsächlich Geschehenen zu stellen und es zu begreifen. (...) Wenn es überhaupt zu einer offenen Reaktion kommt dann besteht sie aus einem Seufzer, dem die halb rhetorische, halb wehmütige Frage folgt ´Warum muss die Menschheit immer nur Krieg führen?´. Der Deutsche sucht die Ursachen (...) nicht in den Taten (...), sondern in den Ereignissen, die zur Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies geführt haben. (...)

Doch die Verwandlung von Tatsachen in Meinungen ist nicht allein auf die Kriegsfrage beschränkt, auf allen Gebieten gibt es unter dem Vorwand, dass jeder das Recht auf eine eigene Meinung habe, eine Art Gentleman´s Agreement, dem zufolge jeder das Recht auf Unwissenheit besitzt – und dahinter verbirgt sich die stillschweigende Annahme, dass es auf Tatsachen nun wirklich nicht ankommt. (...) Der Durchschnittsdeutsche (glaubt) ganz ernsthaft, dieser allgemeine Wettstreit, dieser relativistische Nihilismus gegenüber Tatsachen, sei das Wesen der Demokratie."

Aus: Hannah Arendt "Bericht aus Deutschland", erstveröffentlicht 1950 (engl.) unter dem Titel "The Aftermath of Nazi Rule" in Commentary, 10. Jg. 1950, Heft 4
Zitatauswahl Karl H. Klein-Rusteberg am 9. September 2011 

 

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