DIE THEOLOGISCHE UND POLITISCHE PROBLEMATIK DES KAIROS-PAPIERS oder: Israel, Herd des Bösen?

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Artikel veröffentlicht: 24.03.2011, 11:49 Uhr

Für die Zustimmung zur Veröffentlichung seines Beitrags zur Kritik des "Kairos-Papiers" palästinensischer Christen danken wir dem Autor, Prof. Rolf Schieder. Der Beitrag wurde in der Ausgabe vom 28. Oktober 2010 auch im Rheinischen Merkur unter dem Titel "Israel, Herd des Bösen?" veröffentlicht.

Eine breitere Beschäftigung und kritische Auseinandersetzung mit politisch-theologischen Beiträgen dessen, was einst "Dritte-Welt-Theologie" oder Theologien der Befreiung hieß, steht insgesamt - zumindest im deutsch-sprachigen Raum - im Hinblick auf das Verhältnis dieser Theologien zu Judentum und Israel aus. Wir können nicht ausschließen, dass hier eine Art vermeintlicher oder realer Opferkonkurrenz greift. So fällt die Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus  jener Theologien dieser Konkurrenz wiederum "zum Opfer"......

Karl H. Klein-Rusteberg  

 

Die theologische und politische Problematik des „Kairos-Papiers“

von Prof. Rolf Schieder, Humboldt Universität Berlin

Palästinensische Christen haben im Dezember vergangenen Jahres zum Boykott israelischer Waren aufgerufen. Die israelische Besetzung Palästinas sei „Sünde gegen Gott und die Menschen“. Dabei lassen die Verfasser bewusst offen, ob sie grundsätzlich ein Existenzrecht Israels anerkennen oder nicht. Oberkirchenrat Jens Nieper vom Kirchenamt der EKD bezeichnet das Papier als einen „Aufruf, der zur Bewegung werden will. Eine Friedensbewegung – und zwar eine Friedensbewegung, die sich nicht aus den Reihen der Besatzer heraus entwickelt, sondern aus den Besetzten heraus.“ Der Bischof der Berliner Landeskirche, Dr. Markus Dröge, erklärte vor der Synode seiner Landeskirche, dass er den Boykottaufruf für ein „beachtliches Beispiel, die Versöhnung zu bezeugen“ halte, wenn man auch „die politischen Konsequenzen als Christen in Deutschland wohl kaum unterstützen“ könne. Und Bischof Martin Schinderhütte, stellvertretender Leiter des Kirchenamtes der EKD, sagte den Verfassern des Boykottaufrufs zu, dass man „auch hier in Deutschland in verschiedenen Kontexten über Ihr Dokument sprechen“ werde.   

Was sind die politischen Kernaussagen des sogenannten „Kairos-Palästina“-Papiers? Palästinensische Christen fordern ihre Schwestern und Brüder weltweit auf, den Staat Israel als ein rassistisches Apartheidregime wie das frühere Südafrika anzusehen und analoge Maßnahmen zu ergreifen. Das Ziel der Verfasser des Papiers, das den Titel „Die Stunde der Wahrheit“ trägt, ist die Beendigung der „Besetzung Palästinas“ durch die Juden. Dabei vermeiden sie eine präzise Definition, was sie unter „Besetzung“ verstehen. Fordern sie lediglich den Rückzug Israels hinter die Grenzen vor 1967? Oder lehnen sie eine Zwei-Staaten-Lösung ab und streben einen palästinensischen Staat mit einer jüdischen Minderheit an? Im Papier ist von zwei Staaten nicht die Rede. Vielmehr müsse „in diesem Land Gottes ein neues Land“ (9-5) geschaffen werden. Ein Existenzrecht Israels wird nicht garantiert. Der Vergleich Israels mit einem Apartheidregime und die Bezeichnung der israelischen Politik als „rassistisch“, dienen offensichtlich der Delegitimierung Israels vor der Weltöffentlichkeit. Damit reiht sich das Papier in eine Fülle von palästinensischen Aktivitäten ein, die die Verantwortung für die gegenwärtige Lage ausschließlich bei der israelischen Regierung sehen.

Der Bau eines Grenzzaunes war auch in Israel umstritten. Er erschwert das Leben der Palästinenser beträchtlich. Richtig ist aber auch, dass sich die Zahl der Terrorattentate nachweislich verringert hat. Das Kairos-Papier behauptet hingegen, dass eine solche Sicht die Realität auf den Kopf stelle. „Ja, es gibt palästinensischen Widerstand gegen die Besetzung. Wenn es jedoch keine Besetzung gäbe, gäbe es auch keinen Widerstand.“ (1-4)  Das Papier weist deshalb die Bezeichnung des bewaffneten Widerstandes der Palästinenser als „Terrorismus“ mehrfach vehement zurück. (1-5; 5-4-1)  

Das Papier lässt selbstkritische Nachdenklichkeit vermissen. Der Selbststilisierung als hilfloses Opfer tritt eine Stilisierung Israels als „dem Bösen“ (4-2-4 und öfter) und als „dem Feind“ (4-2-3) zur Seite. Die israelische Politik wir als „Sünde“ bezeichnet. Eine sorgfältige Unterscheidung von politischer und theologischer Sprache fehlt, so dass sowohl die politische Analyse wie auch die theologische Beurteilung Schaden nehmen.

Während die Hamas terroristisch aktiv ist und von den arabischen Nachbarstaaten unterstützt wird, während der Iran offen die Vernichtung Israels proklamiert und während das Propagieren von Boykottmaßnahmen in England und Italien bereits breite Wirkungen zeigt, wollen die Autoren des Papier suggerieren,  dass ihr Boykottaufruf nur ein ohnmächtiger Schrei einerseits und ein Werk der Nächstenliebe und der Befreiung Israels andererseits sei – denn man habe die Israelis im Erfolgsfall von ihrer eigenen Bosheit befreit (4-2-6).

Den palästinensischen Christen fehlt ein Bewusstsein dafür, dass sie durch die Bezeichnung der Israelis als Sünder und als Inkarnation des Bösen einen antijudaistischen Diskurs pflegen, der in Europa nach der Shoah inakzeptabel ist. Einer der Verfasser des Papiers, Dr. Naim Ateek, schreckte beispielsweise nicht davor zurück, in einer Weihnachtspredigt  die israelische Regierung mit Herodes, dem Kindermörder von Bethlehem, zu vergleichen und in einer Osterpredigt die Kreuzigung des palästinensischen Volkes durch die Israelis zu beklagen, die aus Palästina ein Golgatha, eine Schädelstätte, gemacht hätten. Es ist die geschwisterliche Pflicht der europäischen Christen, ihre palästinensischen Schwestern und Brüder nachdrücklich auf die Gefahren eines theologischen Antijudaismus aufmerksam machen.    

Viel ist in diesem Papier vom Opfer, das man ist, zu lesen. Nichts findet man über ein Opfer, das die Christen für den Frieden zu bringen bereit wären. Im Englischen unterscheidet man zwischen „sacrifice“ und „victim“. Entsprechend haben die Sozialwissenschaften den Begriff der „Viktimisierung“ geprägt, wenn eine Gruppe sich aus politischem Kalkül zum Opfer stilisiert. Das Kairos-Papier ist ein Lehrbeispiel für einen Viktimisierungsdiskurs, der alle Schuld beim politischen Gegner sucht und eigenes Versagen beschönigt.

Palästinenser sollen und müssen ihre Interessen politisch vertreten. Problematisch ist aber eine Politik, die nicht als sachliche Interessenpolitik, sondern bewusst als Identitätspolitik betreiben wird. Eben dies tut aber das Kairospapier. Es diskutiert nicht verschiedene politische Optionen und wägt sie gegeneinander ab, sondern leitet aus der eigenen Identität eine alternativlos scheinende politische Aktion ab, die darauf zielt, den politischen Gegner zu schädigen und dessen Rechte zu negieren.

Naim Ateek erkennt ein Existenzrecht Israels ausdrücklich nicht an. Die Gründung Israels sei von Beginn an Unrecht gewesen. Und so heißt es auch im „Kairos-Papier“: „Es war Unrecht, dass wir aus dem Land vertrieben worden sind. Der Westen versuchte, das Unrecht, das Juden in den Ländern Europas erlitten hatten, wieder gut zu machen, aber diese Wiedergutmachung ging auf unsere Kosten in unserem Land. Unrecht sollte korrigiert werden; das Ergebnis war neues Unrecht.“ (2-3-2) Und so stelle sich bis heute das Problem der Flüchtlinge in Palästina: „Obwohl sie das Recht auf Rückkehr haben, warten sie seit Generationen auf ihre Rückkehr. Was soll aus ihnen werden?“(1-1-6) 

Zweifellos haben die palästinensischen Christen für diese Sicht der Dinge die historischen Fakten auf ihrer Seite: Es waren die Christen in Europa, die der Shoah mehrheitlich tatenlos zusahen. Ohne den europäischen christlichen Antijudaismus hätten viele Juden Europa nicht verlassen. Welcher gebildete, gut situierte, kosmopolitisch denkende Jude in einer der Metropolen Europas hatte Sehnsucht nach den Sandwüsten Palästinas? Sie wären lieber in Wien, Berlin, Warschau und Amsterdam geblieben. Zur Mühsal der Gründung einer funktionierenden Ökonomie und dem Aufbau eines demokratischen Staates nach westlichem Vorbild kam die Fundamentalopposition der arabischen Staaten, so dass kriegerische Handlungen immer wieder aufflammten. Während sich Deutschland heute den Luxus leisten kann, ihre weibliche und männliche Jugend von jeglicher Wehrpflicht zu befreien, ist der Staat Israel darauf angewiesen, jeden Heranwachsenden der Wehrpflicht zu unterwerfen.   

Das Papier palästinensischer Christen enthält deshalb durchaus eine aufrüttelnde Botschaft für deutsche und europäische Christen. Sie tragen in der Tat eine historische Mitverantwortung für die gegenwärtige Lage in Palästina. Anstatt die Friedensinitiative für den Nahen Osten an die US-amerikanische Regierung zu delegieren, können Israelis wie Palästinenser gleichermaßen zu Recht mehr Engagement von den Europäern erwarten. Dieses Engagement sollte sich freilich nicht aus einem verklemmten Schuldkomplex speisen. Denn das führt lediglich zu bemühter, rückwärtsgewandter Schuldkomplexkosmetik. Es ist also wenig hilfreich, wenn deutsche Christen ihre zögernde Haltung gegenüber dem  Boykottbegehren der Palästinenser damit begründen, dass sie das an den Aufruf der Nazis „Kauft nicht bei Juden!“ erinnere. Dieses Argument enthüllt, dass man lediglich um sein eigenes Ansehen besorgt ist, nicht aber um das zukünftige Wohl und Wehe von Frauen, Männern und Kindern in Israel und Palästina. Eine zukunftsorientierte politische Verantwortung kann sich auch nicht in symbolpolitischen Aktionen erschöpfen, sie muss vielmehr von den europäischen Regierungen ein weitaus höheres Friedensengagement fordern. Wer aber eine effektive Friedenspolitik betreiben will, der verzichtet tunlichst auf einseitige Parteinahmen, sondern bemüht sich um einen akzeptablen Ausgleich von Interessen. Eine politische Theologie läuft diesen realpolitischen Interessen häufig zuwider – so verhält es sich auch mit der politischen Theologie des palästinensischen Kairos-Papiers. 

Pseudo-apokalyptisch bezeichnen die palästinensischen Christen ihren wohl kalkulierten Boykottaufruf als einen „Schrei der Hoffnung gegen alle Hoffnung“. Dabei sind die theologischen Schwächen dieses „Wortes der Wahrheit“ offensichtlich. Es ist frappierend selbstgerecht. Ein Bekenntnis eigener Schuld fehlt. Die Opferperspektive erstickt jede Selbstkritik. Wer nach einer „gemeinsamen Vision“ (9-1) suchen will, benötigt aber diese Fähigkeit. Vielmehr wird die Politik Israels als „Sünde“ bezeichnet (2-5). Der christliche Sündenbegriff ist aber streng an die Gottesbeziehung gebunden. Vor allem kann er unter keinen Umständen von Christen  auf Angehörige anderer Religionen angewendet werden. Problematisch ist ferner eine Landnahmetheologie, die -  im Verbund mit einer Beerbungstheorie - die Verheißungen an Israel nostrifiziert und das „heilige Land“, vor allem aber „Jerusalem“, für die Christenheit reklamiert (2-2-2; 2-3; 9-5).

Die Autoren stellen zu Recht fest, dass eine „fundamentalistische“ Auslegung der Bibel zur Legitimierung politischer Standpunkte ungeeignet ist (2-4). Gleichzeitig aber lassen sie die notwendige Unterscheidung zwischen einer politischen Theologie, die unmittelbar von einer religiösen Semantik auf eine politische umschaltet, und einer christlichen politischen Ethik, die zwischen dem Politischen und dem Theologischen unterscheidet, vermissen. Mit dem befreiungstheologischen Topos einer „prophetischen Kirche“ werden theologische und politische Sachverhalte miteinander vermengt.

Eine bedenkliche religiös-politische Romantikoffenbaren die Schlusssätze des Dokuments. Dort heißt es: „Wir glauben, dass am Ende Seine Güte den Sieg über das Böse des Hasses und des Todes davontragen wird, die noch immer in unserem Land herrschen. Wir werden hier ‚ein neues Land‘ und ‚einen neuen Menschen‘ entdecken, der imstande ist, sich im Geist der Liebe zu allen seinen Brüdern und Schwestern zu erheben.“  Schmerzlich vermisst man in dieser Passage den eschatologischen Vorbehalt, der religiös-politisches Schwärmertum von einer verantwortungsvollen Politik im christlichen Geist unterscheidet. Das biblische Menschenbild erinnert uns daran, dass in jedem Menschen Gutes und Böses zu finden ist. Es kommt deshalb darauf an, auf jede Schwarz-Weiß-Malerei ebenso zu verzichten wie auf religiösen Enthusiasmus. Den „neuen Menschen“ wird es erst im Reich Gottes geben. Vor einer Theologie  „des neuen Landes“ kann nur ausdrücklich gewarnt werden – mit einem „neuen Deutschland“ haben wir keine guten Erfahrungen gemacht. Man stelle sich vor, heimatvertriebene Deutsche würden eine solche Landestheologie vertreten. Exodus, Exil und Diaspora – das sind die christlichen Raummetaphern, nicht die eines „heiligen Landes“.

Die EKD hat im Jahr 1964 mit ihrer sogenannte „Ostdenkschrift“ Geschichte geschrieben. Sie hat die deutsche Öffentlichkeit letztlich davon überzeugt, die geschichtlichen Konsequenzen aus dem Zweiten Weltkrieg zu tragen und die Forderung nach Rückgabe der sogenannten deutschen Ostgebiete aufzugeben. Im Jahre 2010 zeigt das Kirchenamt der EKD Sympathien für revisionistische Palästinenser, die den völkerrechtlichen Status Israels nicht anerkennen wollen, die Rückkehr der 1948 in den Kriegswirren vertriebenen Palästinenser und deren Nachkommen – freilich nicht die der damals vertriebenen Juden - fordern und die mit ihrem Boykottaufruf einen weiteren Beitrag zur Delegitimierung Israels vor der Weltöffentlichkeit leisten.       

 

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