ANTISEMITISMUS UND ROMANTIK DER BILDUNG

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Artikel veröffentlicht: 26.02.2014, 11:45 Uhr

Romantik
 

Ohne den Hauch der Verifizierbarkeit hält sich überaus nachhaltig das romantische Gerücht, es sei "die Bildung" (wahlweise "die Aufklärung") die das wirklich geeignete Mittel darstelle, dem Antisemitismus einhalt zu gebieten. Wird dieser Vor-Shoah-Romantizismus kritisch befragt, ist nicht seltern die so aufgeklärte Rückfrage zu hören: Bist Du etwa gegen Aufklärung?
Lassen wir diese Torheiten beiseite und wenden uns der empirischen Forschung zu.
Der alltägliche und weltweite Versuch, das Syndrom der Nah-Ost-Konflikte im Westen gänzlich ohne das Faktum der intensiven und buchstäblich gewaltigen Juden- und Israelfeindschaft publizistisch wegzuschreiben, ist der Normalfall. Aber auch in Europa/Deutschland gehört - so die geschichtlich-belehrte Annahme - Antisemitismus "eigentlich" auf die Müllhalde der Geschichte. Sind dessen ost-, mittel und westeuropäischen Phänomene dennoch nicht gänzlich zu leugnen, dann gelten seine - des Antisemitismus - Agenten als "noch nicht aufgeklärt (bzw. gebildet)" genug. Die Steigerung dieser Absurdität erfährt der sich-Bildende wenn er aufgefordert wird, jüdische Geschichte und Kultur kennenzulernen. Die Annahme: Es gilt zu nachzuweisen, dass Juden nicht so sind, wie es die Antisemitismen behaupten. Dabei gilt doch die Frage nach dem Antisemitismus nicht primär den Juden (ohne Zweifel, darunter gibt es auch Antisemiten).
Antisemitismus ist eine Art Seismograph der Moderne. Welches Verhältnis hat die nicht-jüdische/christliche/islamische Mehrheitsgesellschaft zu sich selbst? All die Krisen, Brüche, Widersprüche und Ambivalenzen - ohne die Freiheit nicht geht -, die das normale moderne Leben ausmachen, sind schwer auszuhalten. Die Freiheit der modernen Gesellschaften ist eine unausweichliche Zumutung. Der Zumutung zu entfliehen oder ihr mittels Kompensationen auszuweichen - rhetorisch, ausgrenzend, gewaltig -, ist nicht zuletzt der antisemitische Code (S. Volkov), aus vormodernen Zeiten "ewig" transformiert, geeignet. Dieser Code sitzt nicht nur besonders tief, er gehört zur Tiefe und zur Oberfläche der Moderne. Ihn aufzuklären ist unabdingbar nötig. Um dieser Aufklärung und offenen Kontroverse willen bedarf es der politischen Bedingung der Freiheit. Antisemitismus damit aus der Welt zu schaffen ist eine pädagogische Illusion, die "Identitäten" und/oder Arbeitsplätze sichert. Nicht weniger. Nicht mehr.
Es folgt ein Hinweis aus der empirischen Antisemitismusforschung.
Karl H. Klein-Rusteberg

 

Nr. 8 » 21. Februar 2014
tachles
Das jüdische Wochenmagazin

http://tachles.ch/news/antisemitische-post-kommt-nicht-immer-von-rechtsextremenFormularbeginn
DEUTSCHLAND

Antisemitische Post kommt

nicht immer von Rechtsextremen
26. Februar 2014

 

Untersuchung von 14000 Briefen führt zu überraschenden Resultaten.
Termingerecht zum Israelbesuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel veröffentlichte Monika Schwarz-Friesel, Linguistikprofessorin an der Technischen Universität von Berlin, die Ergebnisse einer Untersuchung von zehntausenden von Briefen, E-Mails und Faxen, die an die israelische Botschaft in der deutschen Hauptstadt und an den Zentralrat der Juden in Deutschland geschickt worden waren. Schwarz-Friesel suchte in ihrer sich über Monate hinweg erstreckenden Arbeit Antwort auf die Frage: Welches Gesicht hat der Antisemitismus in Deutschland zu Beginn des 21. Jahrhunderts? «Ich wollte herausfinden», sagte sie in einem Interview mit der Zeitung «Haaretz», «wie moderne Antisemiten denken, fühlen und kommunizieren.» Für ihre Studie zog die Professorin alle Hass-Briefe zu Rate, welche die israelische Botschaft und die lokale jüdische Gemeinde in den Jahren 2002-2012 erhalten haben. Zu den 14000 Briefen, die sie auf diese Weise erhalten konnte, kamen weitere 2000 Briefe von anderen israelischen Vertretungen in Europa hinzu. Zusammen mit einigen Assistenten und ihrem Forschungspartner, dem Historiker Jehuda Reinharz, einem ehemaligen Präsidenten der Brandeis Universität von Massachusetts, analysierte sie alle Briefe. Die Ergebnisse wurden letztes Jahr im Buch «Die Sprache der Feindseligkeit gegen Juden im 21. Jahrhundert» veröffentlicht (die Publikation einer englischen Version steht für kommendes Jahr auf dem Programm). Das Resultat ist ebenso überraschend wie bedenklich: Über 60 Prozent der Briefe stammten von gebildeten Deutschen, einschliesslich Universitätsprofessoren, Anwälten, Priestern sowie Universitätsstudenten und Gymnasiasten. Der Anteil aus der rechtsextremistischen Ecke war dagegen mit drei Prozent vernachlässigbar niedrig. Nicht weniger überraschend war die Tatsache, dass die meisten Briefschreiber kein Problem damit hatten, ihre Namen, Adressen und Titel bekanntzugeben. «Noch vor 20 oder 30 Jahre wäre das nicht geschehen», meinte Schwarz-Friesel gegenüber «Haaretz». Bedenklich muss stimmen, dass sich der Antisemitismus der Rechtsextremen von dem der Gebildeten nur im Stil und in der Rhetorik unterschied, nicht aber in der eigentlichen Aussage und in den Ideen. Rund 80 Prozent der Hass-Post war anti-israelisch. Das brachte Schwarz-Friesel zu klaren Schlussfolgerungen: «Heute ist es schon unmöglich, zwischen Antisemitismus und anti-Israelismus zu differenzieren. Moderne Antisemiten haben aus dem ‘jüdischen Problem’ ein ‘israelisches Problem’ gemacht und die ‚Endlösung’ von den Juden zum Staat Israel umgelenkt, der für sie die Verkörperung des Schlechten ist.» [TA]

 

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