ÜBER ANEIGNUNG UND ENTEIGNUNG

Zurück zu den ArtikelnArtikel drucken

Artikel veröffentlicht: 06.06.2013, 11:41 Uhr

Im Folgenden dokumentieren wir die Einführung von Pfr. Markus Heitkämper, evangelischer Vorsitzender der GCJZ-Essen, anlässlich der Eröffnung der Woche der Brüderlichkeit 2013 in der ALTE SYNAGOGE - Haus jüdischer Kultur - vom März in leicht überabeiteter Form . Der Titel der Einführung ist hier an den zu diesem Anlass gehaltenen Vortrag von Prof. Wolfgang Stegemann "Aneignung der Bibel als Enteignung der Juden" angelehnt. Siehe auch:  http://www.christlich-juedisch-interessen.de/?site=interessen_detail&id=113&c=5 -kr-

 

Über Aneignung und Enteignung
Markus Heitkämper

 

* Am Anfang meiner Einführung soll eine Frage stehen:
Warum eigentlich hat G’tt dem Mose am Sinai nicht befohlen, alle Worte der Offenbarung von Anfang an zu verschriftlichen? Warum also gibt es jenen Teil der Sinaioffenbarung, der zunächst nur mündlich überliefert und erst gegen Ende des 2. Jahrhunderts u.Z. dann auch schriftlich festgelegt wurde?

Wie könnte, von jüdischem Selbstverständnis her, auf diese Frage geantwortet werden?
Im Gespräch mit einer Jüdin aus der Essener Kultusgemeinde bekam ich folgende Auskunft:
Dies sei geschehen, damit die Heiden, die Menschen aus der Völkerwelt, nicht auch noch diesen Teil unserer Überlieferung okkupieren und für sich reklamieren konnten!
Der Ewige habe es aus liebender Fürsorge für sein Volk verhindern wollen, dass man seinen Kindern einfach alles nimmt – zumindest die im Talmud versammelte Auslegung der schriftlichen Tora, zumindest sie sollte das unangefochtene Eigentum Israels bleiben.

Eine historisch-kritische Betrachtung mag an dieser jüdischen Erzählweise achselzuckend vorübergehen und sie als bloß sekundäre Legendenbildung abtun.

Für mich jedoch spiegelt sich in diesem Narrativ in geradezu bewegender Weise ein Aspekt der Leidensgeschichte des jüdischen Volkes wider, und zwar die Geschichte der Enteignung der ureigenen identitätsstiftenden ethnisch-religiösen Traditionen:
Die 5 Mosebücher, die Prophetenbücher und die Schriften, also die jüdische Bibel, der Tenach, sie nämlich konnten von der entstehenden christlichen Religion gegen das sich bildende Judentum instrumentalisiert werden. Die jüdische Bibel lag ja zu dieser Zeit in ihren wesentlichen Teilen bereits schriftlich fixiert vor und wurde –besonders in Gestalt ihrer griechischen Übersetzung, der Septuaginta- christlicherseits als vermeintliche Argumentationsbasis missbraucht, um die angebliche Wahrheitsunfähigkeit des Judentums zu beweisen (und „Wahrheitsunfähigkeit“ ist hier, gemessen an der christlichen Polemik etwa eines Barnabasbriefes, noch ein sehr harmloses Wort!).
Dies aber konnte mit denjenigen Überlieferungen, die noch mündlich tradiert wurden, nicht (so leicht) passieren. Dem Christentum, das jüdischerseits bereits damals als feindlich-bedrohlich wahrgenommen wurde, war der Zugriff zur mündlichen Tora und damit zu einem wesentlichen Teil jüdischen Selbstverständnisses verwehrt. Der Ewige habe es so verfügt, aus Liebe zu seinem Volk Israel. Damit habe er das jüdische Volk vor der vollständigen Besatzung und Enteignung durch die christliche Religion bewahrt.


* Im Essener Dom –nur wenige hundert Meter von uns entfernt- befindet sich ein einzigartiges Kunstwerk: Der Essener Siebenarmige Leuchter, die älteste erhaltene christliche Nachbildung der Menora, des jüdischen Tempelleuchters. Gestiftet von der Essener Äbtissin Mathilde, steht er nun seit über 1000 Jahren in seiner ganzen Pracht und Größe in der Münsterkirche. Ihn zu betrachten, war mir bislang immer wieder neu eine große Freude.
Nun stelle ich mir vor, ich stände gemeinsam mit der eingangs erwähnten jüdischen Gesprächspartnerin vor dieser sozusagen christlichen Menora.
Was würde in ihr da wohl vorgehen?
Hätte sie nicht jedes Recht, wenn sie auch hier wieder nur das alte, schändliche Muster einer christlichen Aneignung als Enteignung des Judentums ausmachen würde?!
Und müsste also mich als christlichen Betrachter fortan nicht ein Zweifaches bestimmen müssen – eine ästhetische Freude über die wunderschöne Gestalt und ein menschlich-theologischer Schauder angesichts der Art und Weise, wie hier ziemlich frech eines der bedeutendsten Symbole des Judentums einer interpretatio christiana unterworfen wird?!
Dieser Leuchter steht für mich natürlich nicht isoliert, sondern stellvertretend für einen Großteil der christlichen Rezeptionsgeschichte, so wie sie angesichts des Judentums fast 2000 Jahre lang verlaufen ist.
Mit dieser Geschichte müssen wir Nachgeborenen leben, wir können sie ebenso wenig ungeschehen machen, so wie es auch keine Lösung wäre, jenen schönen Siebenarmigen Leuchter in die Asservatenkammer des Domschatzes zu verbannen.
Im Gegenteil, es wäre an der Zeit, dem traditionell antijüdischen Gehalt unserer Tradition ein neues Paradigma christlicher Identität gegenüberzustellen.
Eine christliche Identität, die sich nicht länger in grenzenloser Überspanntheit absolut setzt, sondern sich einfach als so einzigartig und partikular wie alles geschichtlich Gewordene begreift und das Judentum daher nie wieder als Negativfolie missbrauchen muss.
Dann wäre es vielleicht möglich, eine „christliche Menora“ (und auch die Essener Variante) nicht länger als Kampfansage an die Wahrheitsfähigkeit des Judentums zu verstehen. Nicht länger ein Symbol christlichen Trumphalismus, wäre sie dann vielmehr ein eindrucksvolles Zeichen der christlichen Solidarität mit dem Judentum;
sie würde sowohl dem Schmerz über die Katastrophe der Zerstörung des 2. Tempels unter Titus als auch der Freude über die Errichtung des modernen Staates Israel Ausdruck verleihen können.

Immerhin machen sich seit über 5 Jahrzehnten Menschen aus allen Kirchen auf eben diesen Weg. Nes Ammim, Aktion Sühnezeichen Friedensdienste und die Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit wären als Beispiele für dieses neue christliche Fragen, Lernen und Sich-Begreifen angesichts des Judentums zu nennen: Wer sind wir denn eigentlich angesichts des auch post Christum fortbestehenden Judentums, wenn die tradierten Verhältnisbestimmungen von Kirche und Israel und damit eben zugleich auch zahlreiche Selbstdefinitionen von Kirche zu nichts mehr taugen?

* Ja, dieses neue innerchristliche Lernen hätte, da bin ich mir sicher, der erste Essener Rabbiner Dr. Salomon Samuel, zu seiner Zeit mit größtem Interesse und leidenschaftlicher Hoffnung verfolgt.
Von den rühmlichen Ausnahmen, die man da an den Fingern einer Hand abzählen kann, abgesehen, erlebten er –und mit ihm das gesamte Deutsche Judentum- das genaue Gegenteil.
Alle Hoffnungen, die er und seine Gemeinde 1913 –vor also 100 Jahren- mit der Einweihung dieser geradezu als Verständigungsprojekt mit der christlichen Mehrheitsgesellschaft gedachten imposanten Synagoge verband, erwiesen sich als schlechterdings illusionär. Spät fand Rabbiner Samuel die innere Kraft, sich dies offen einzugestehen. Das verbindet ihn auf tragische Weise mit einem anderen führenden Vertreter des deutschen Reformjudentums, mit Leo Baeck.
In dunkelster Zeit unternahm Leo Baeck den kühnen Versuch, „das Evangelium als Urkunde der jüdischen Glaubensgeschichte“ (so der Titel seines Buches aus dem Jahre 1938!) darzustellen und die Jüdischkeit Jesu in aller Deutlichkeit zu betonen. Hier vollzog sich eine Begegnung mit dem Christentum, die die jüdischen Wurzeln der christlichen Religion zeigt, wie sie damals unerhört war.
Baecks Evangelienbuch wurde 1939 eingestampft und musste Machwerken Platz machen, die aus der Feder des 1939 gegründeten Eisenacher „Instituts zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben“ stammten:
„Die Entjudung des religiösen Lebens als Aufgabe deutscher Theologie und Kirche“ sei nur als ein Beispiel theologischer Schande genannt. Durch alle diese deutsch-christlichen Schriften zieht sich wie ein roter Faden die pseudowissenschaftliche These eines in Wahrheit angeblichen arischen und germanischen Jesus.


* Haben wir in den Kirchen diese dunkle Zeit und vor allem solch schreckliches Denken inzwischen nicht längst hinter uns gelassen? Wo wird denn das Judesein Jesu noch bestritten? Ist die Betonung des Judeseins Jesu nicht beinahe etwas Trivial-Selbstverständliches?

Nun, abgesehen davon, dass m.E. die Jüdischkeit Jesu theologisch noch längst nicht wirklich in seinen Konsequenzen durchdacht worden ist, ist es zunächst gewiss richtig, dass auch ich gegenwärtig von niemandem wüsste, der die absurde These eines arisch-germanischen Jesus vertritt.
Und doch gibt es Stimmen etwa in der gegenwärtigen christlich-palästinensischen Theologie, die bestrebt sind, Jesus sein Judesein auf neue Weise zu entreißen, indem man ihn allen Ernstes zu einem - Palästinenser stilisiert.
Das ungläubige oder auch spöttische Lächeln, das einen angesichts solcher arabisch-christlicher Tendenzen überfallen könnte, bleibt aber unversehens im Halse stecken, wenn man sich vor Augen hält, dass sie Teil eines arabisch-muslimischen Narrativs sein könnten, der in den letzten Jahrzehnten immer mehr an Einfluss gewinnt.
Ein Narrativ, der sich daran macht, die jahrtausendealte jüdische Geschichte des Landes Israel und nicht zuletzt Jerusalems vor der arabischen Eroberung immer undeutlicher werden zu lassen und sich gar erdreisten kann, etwa die Existenz des 2. Tempels als jüdische Propagandalüge zu bestreiten.

Wir dürfen angesichts dieser erschreckenden Entwicklungen auch unter unseren arabischen Mitgeschwistern nicht schamvoll schweigen. Diese Scham wäre - verhängnisvoll.
 

 

Sie möchten diesen Artikel kommentieren? Artikel kommentieren

Dieser Artikel wurde noch nicht kommentiert.
Hier können Sie selbst einen Kommentar schreiben.


  Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit - Universitätsstrasse 19, 45141 Essen