ZUM NEUEN JAHR

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Artikel veröffentlicht: 31.12.2012, 12:01 Uhr

DAS NEUE JAHR
Karl H. Klein-Rusteberg

Vielleicht liegt das neue Jahr hinter uns? Denn, deuten wir die Geschichte des deutsch-jüdischen, wie des christlich-jüdischen Verhältnisses nach 1945, so ist nicht auszuschliessen, dass wir es mit dem heute zuende gehenden Jahr 2012 mit einem Jahr des Umbruchs in diesen Verhältnissen zu tun haben.

Lange in der Latenz haben sich nunmehr im Hinblick auf Israel und entlang der sog. Beschneidungsdebatte Elemente einer Weltanschauung offenbart, die wir über Jahrzehnte, wenn nicht für überholt, so doch gebannt glaubten.

Ob es eigene Lernanstrengungen waren, die glauben machten, Antisemitismus sei mittels Selbstbelehrung entweder moralisch gehegt , was weitestgehend als Konsens und "Staatsräson" gefeiert wird, oder ob es substantiell eher dem entsprach, was der französische Schriftsteller Bernanos auf die klare Formel brachte, Hitler habe "dem Antisemitismus Schande bereitet" - und so geschichtlich bedingt als Tabu etabliert, das scheint mir eine entscheidende Frage für die Geschichtsschreibung und Zukunft des deutsch-jüdischen, wie des christlich-jüdischen Verhältnisses – mindestens in Deutschland.

Nehmen wir den Tabubegriff: Es ist dieses Tabu, das in der Geschichte der Deutschländer nach 1945 nie hermetisch war (sehen Sie den eindringlichen ARD-Film von Georg M. Hafner "München 1970 – Als der Terror zu uns kam" http://www.youtube.com/watch?v=L2QMS3e0lKQ  ), das nun aufgebrochen ist.

Das Spezifische an der Debatte um das Grass-Gedicht war ja nicht seine horrende politische Torheit. Aber dass es diese Zentralfigur der sog. Aufarbeitung der Vergangenheit war, die Israel und seiner Regierung Vernichtungsabsichten gegenüber dem iranischen Volk attestierte, das ist es was es war: Ein jeglicher Bezug auf sog. "Lehren aus der Geschichte" wurde sichtbar entleert. Sie, die Israelis, sind - zumindest in der Intention – wie wir waren: Vernichter von real nicht existierenden Feinden. Die Jahresbilanz lautet: wir stehen dank der Grass-Offenbarung auch hier vor dem Nichts. Zwar können wir weiterhin die Geschichtslehren beschwören, doch haben sie sich als Leeren erwiesen.

In der letzten Woche des Jahres 2012 wird Günter Grass in einem sog. Intellektuellenranking der Zeitschrift Cicero mit 500 Namen als der Erste geführt. Günter Grass gilt den Juroren als der Top-Intellektuelle der Republik.

Es ist u.a. dieser Zusammenhang, der das Jahr 2012 zum neuen Jahr gemacht hat: Wir können nun wissen (war es nicht über Jahrzehnte eine weggeblendete Ahnung?), dass die Säulen der Lehren aus "der" Geschichte nicht tragen. Es kommt, vielleicht politisch nicht marginal, hinzu, dass diese Jahreserfahrung nicht "links" oder "rechts" sortiert werden kann. Sie ist "links" und "rechts" zugleich. Auch das zeigt sich in der Figur des Großdeuters Grass, der eben nicht nur sich als solcher inszeniert, sondern auch inszeniert wird – siehe Cicero. Gleichzeitig ehemaliges SS-Mitglied, wie gefeierter Großankläger und Aufarbeiter der Vergangenheit nach 1945 (bzw. nach der "Blechtrommel") zeigt sich so eine Kontinuität des verzweifelten sich-selbst-aus-dem-Sumpf-ziehen-wollens, die im Drang, Sysiphos möge ein Ergebnis zeitigen, dabei landet, Juden und Israel für diese Unmöglichkeit verantwortlich zu machen.

Die Landung findet in den Gefilden der neuen Zeiten statt, wird aber in denen von 1945 bis 1989 gesucht – obwohl buchstäblich vergangen. Wenn auch inflationär gebraucht, ist das Proustsche Bild der "Suche nach der verlorenen Zeit" überaus treffend. Und wir wollen nicht ausschließen, dass eben dies die Kontinuität im deutsch-jüdischen, wie auch christlich-jüdischen Verhältnis nach 1945 ist. Ohne große Resonanz schon früher - spätestens seit den 80er Jahren - thematisiert, nahezu ausnahmslos von jüdischer Seite, wurden solche Anfragen meist als "dialogfremd" ignoriert. Ist also der Dialog mit Juden das, wofür ihn v.a. die nichtjüdische Mehrheit hält? Auch dieses Fragetabu ist nunmehr gebrochen. Damit ist mit 2012 keine Neuigkeit in die Welt gesetzt, jedoch sind in diesem Jahr bislang verdeckte Kontinuitäten in breiter Öffentlichkeit offenbar geworden. Das haben wir Grass und der sog. Beschneidungsdebatte zu verdanken. Die Beschneidungsdebatte war die zu Grass komplementäre Volkstümlichkeit der reinen Lehren aus der Geschichte: die absolute Maßgabe einer Vernunftreligion als Ersatz für alte deutsche Ideologie, wie in ihrer Unbedingtheit, dem Rigorismus und ihren Kältelehren deren Fortsetzung. Die unzähligen Leserkommentare der Medien aller Couleur – rinks, wie lechts – gehören in die Arsenale der deutsch-jüdischen Geschichte der Nach-Auschwitz-Zeiten.

Niemand sollte erwarten, dass von seiten der Mehrheit der Juden für diese Offenbarung Dank die Gegengabe sein kann. Eher ist es eine unbeabsichtigte, auch Ängste manifestierende, Aufklärung. Die Aufklärung ermöglicht es, die neue Stunde Null zum Aufräumen und neuem Sortieren in den selbstgezimmerten Mythen der Sehnsucht der Mehrheitsgesellschaft nach der vielleicht-doch/noch/wieder-Symbiose zu nutzen. Aufarbeitung der Vergangenheit also: der Nach-45er/68er-Vergangenheiten in der neuen Stunde Null. Heute – 2013. Ihr politisch-geschichtliches, wie kirchlich-theologisches Motiv könnte sein: reeducation.
 

Als ergänzender "Beleg" kann dieser Artikel aus der Süddeutschen Zeitung vom 30. Dezember 2012 genommen werden: http://www.sueddeutsche.de/politik/gruenen-politiker-sorgt-fuer-empoerung-in-beschneidungsdebatte-wetzt-das-messer-singt-ein-lied--1.1562003

 

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