"DIESE SELBSTGEWISSHEIT DES SPIESSERTUMS MACHT FRÖSTELN" - Wenn sich etwas zusammenbraut

Zurück zu den Artikeln

Artikel veröffentlicht: Thursday, 18. October 2012, 22:50 Uhr

Der Tagesspiegel online

RASSISTISCHE HETZE NACH GEWALTTAT AM ALEXANDERPLATZ

18. Oktober 2012 17:37 Uhr
Von Bernd Matthies

Nach der tödlichen Gewalttat am Alexanderplatz gibt es ein Kondolenzbuch, dort aber finden sich mehrere fremdenfeindliche, hetzerische Sprüche. "Wann werfen wir dieses Pack aus der Heimat?", fragen Unbekannte mit Blick auf die Täter. Diese rassistische Selbstgewissheit des Spießertums macht frösteln.


Wenn sich in einer Gesellschaft etwas zusammenbraut, dann merken wir das an vermehrten Tabubrüchen. Es sind kleine Risse, denen größere folgen – es kommt eine verhängnisvolle Mechanik in Gang, der die Politik entschlossen gegensteuern muss. Da wird beispielsweise ein Rabbiner verprügelt, weil er Rabbiner ist. Auf U-Bahnhöfen und Straßen kommt es zu rätselhaften, unmotivierten Gewaltakten, und nun stirbt ein junger Mann einfach deshalb, weil andere gerade Lust auf seinen Tod hatten.
 

Es kann jeden treffen, das ist neu.
 

Doch auch die hetzerischen Sprüche im Kondolenzbuch für diesen traurigen Vorfall sind ein Tabubruch. Es gab mehrere fremdenfeindliche Eintragungen, dabei handelt es sich mit Blick auf die mutmaßlichen Täter etwa um Fragen wie „Wann werfen wir dieses Pack aus der Heimat?“. Ausgerechnet dort, wo unbeteiligte Menschen ihre Trauer ausdrücken können, um die Angehörigen des Opfers ein wenig zu trösten, ausgerechnet dort bricht nun jene Haltung durch, die wir mit routinierter Ironie als „gesundes Volksempfinden“ bezeichnen: die aggressive, in diesem Fall rassistische Selbstgewissheit des Spießertums. Es sind vermutlich ähnliche Gestalten wie jene, die kürzlich in der „Abendschau“ am Tatort herumkrakeelt haben, und sie machen frösteln.
Es braut sich etwas zusammen. Wir müssen hoffen, dass die Politik die Zeichen erkennt und Berlins Mordermittler ihrem Ruf gerecht werden – damit die Täter bestraft werden, und nur sie.

 

 

Hier haben Sie nun die Möglichkeit diesen Artikel oder auch bereits eingestellt Kommentare zu kommentieren.
Füllen Sie dazu einfach die beiden Felder weiter unten aus und klicken Sie auf "Senden".

Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein:

Bitte geben Sie hier Ihren Kommentar ein:

Wenn Sie alle nötigen Angaben gemacht haben, klicken Sie bitte auf "Senden"

Hinweis:
Jeder Kommentar muss von der Redaktion freigeschaltet werden. Die Redaktion behält sich dabei das Recht vor Artikel teilweise oder ganz zu entfernen, bzw. nicht zu veröffentlichen.
Die Freischaltung selber kann von wenigen Stunden bis zu mehreren Tagen dauern.
Wir bitten um Ihr Verständnis und danken für Ihr Interesse.


  Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit - Universitätsstrasse 19, 45141 Essen